Newsletter November 2026

 

Liebe mit der Kirchenmusik – und mit der Chorvereinigung – Verbundene!

Noch hat es in der Jesuitenkirche verträgliche Temperaturen, das hält sich hoffentlich noch bis Christkönig, und die Streicher freuen sich über nicht ganz so klamme Finger wie etwa im Jänner oder Februar, wenn es dann so richtig kalt wird. Und geläufige Finger sind auch nötig bei einem epochalen Werk wie Bruckners Messe in d-Moll, das dem Orchester geradezu philharmonische Qualität abverlangt, den Chor so richtig fordert, und das wir zum krönenden Abschluss des Kirchenjahres aufs Programm gesetzt haben. Ein wenig Information dazu finden Sie weiter unten, und warum das Werk „epochal“ ist, habe ich versucht in einem Anhang zu diesem Newsletter ein wenig zu beleuchten.

Mit Dvořáks Messe in D, die wir bereits am kommenden Sonntag singen, leiten wir bis zum 1. Adventsonntag eine kleine spätromantische Serie ein, wobei als Kontrast dazu unser Partnerchor, das Consortium Musicum Wien, Mitte des Monats mit Haydns Nikolaimesse einen Zeitsprung 1 Jahrhundert zurück vornimmt.

Mit Ihnen auf diese wunderbaren Werke freut sich Ihr
Martin Filzmaier

 

 

Sonntag, 8. November 2026: Antonin Dvořák, Messe in D-Dur op. 86 (1893)

Die Messe D-Dur (Lužanská mše) op. 86 von Antonín Dvořák liegt in zwei verschiedenen Versionen vor: für Soli und Chor mit Orgelbegleitung (B 153) und mit Orchesterbegleitung (B 175).

Antonín Dvořák wurde von dem Architekten und Mäzen Josef Hlávka anlässlich der Einweihung von dessen neugebauter Schlosskapelle auf Schloss Lužany beauftragt, eine Messe zu komponieren, die in dieser Kapelle aufführbar war, was bedeutete, dass Dvořák auf eine Orchester-Besetzung oder größeren Chor – zunächst – verzichten musste. Dvořák komponierte das Werk zwischen dem 23. März und dem 17. Juni 1887. Am Tag der Fertigstellung schrieb der Komponist an seinen Auftraggeber:

„Sehr geehrter Herr Rat und lieber Freund! Ich habe die Ehre, Ihnen mitzuteilen, dass ich die Arbeit (die Messe D-Dur) glücklich beendet habe und dass ich große Freude daran habe. Ich denke, es ist ein Werk, das seinen Zweck erfüllen wird. Es könnte heißen: Glaube, Hoffnung und Liebe zu Gott dem Allmächtigen und Dank für die große Gabe, die mir gestattete, dieses Werk zum Preis des Allerhöchsten und zur Ehre unserer Kunst glücklich zu beenden. Wundern Sie sich nicht, dass ich so gläubig bin – aber ein Künstler, der es nicht ist, bringt nichts solches zustande. Haben wir denn nicht Beispiele an Beethoven, Bach, Raffael und vielen anderen? Schließlich danke ich auch Ihnen, dass Sie mir die Anregung gaben, ein Werk in dieser Form zu schreiben, denn sonst hätte ich kaum je daran gedacht; bisher schrieb ich Werke dieser Art nur in großem Ausmaße und mit großen Mitteln. Diesmal aber schrieb ich nur mit bescheidenen Hilfsmitteln, und doch wage ich zu behaupten, dass mir die Arbeit gelungen ist.“

Die Uraufführung fand am 11. September 1887 unter der Leitung des Komponisten in der Schlosskapelle statt. Die Frau des Auftraggebers und Dvořáks Gattin sangen die weiblichen Solopartien.

Die erste öffentliche Aufführung fand am 15. April 1888 im Stadttheater von Pilsen statt. Die Instrumentalstimmen wurden in dieser Aufführung von zwei Harmoniums, Cello und zwei Kontrabässen übernommen. Diese Instrumentierung, von der nicht bekannt ist, ob sie von Dvořák selbst stammte, ist nicht erhalten.

1892 erschien die Messe beim Londoner Verlag Novello & Co. als op. 86 im Druck, nachdem der Komponist eine Orchesterbearbeitung erstellt hatte. Diese Orchesterfassung wurde am 11. März 1893 im Londoner Crystal Palace unter der Leitung von August Manns uraufgeführt.

Bei der Instrumentierung behielt Dvořák die Grundstruktur des Werkes weitgehend bei. Durch die Verwendung des Orchesters konnte der Komponist auch eine verfeinerte Dynamik anstreben, wodurch sich an einzelnen Stellen auch Auswirkungen auf die Stimmführung des Chores ergaben.

Dem Beginn des Kyrie stellte er eine kurze, zweitaktige Einleitung des Orchesters voran. Das Kyrie wirkt vor allem durch seine ausgefeilte und kontrastreiche Dynamik. Abweichend vom liturgischen Gebrauch beendet Dvořák den Satz mit einem erneuten „Christe eleison“. – Das Gloria beginnt in freudigem punktiertem Rhythmus, der im Mittelteil mit einem besinnlicheren Abschnitt kontrastiert wird, ab der Erwähnung der Sünden der Welt von wachsender Unruhe geprägt ist und zum Schluss noch einmal feierlich die Herrlichkeit Gottes preist. – Das Credo, der längste Satz der Messe, ist in mehrere Abschnitte untergliedert. Weite Abschnitte sind streng responsorisch gehalten: der Text wird abschnittsweise zunächst vom Alt, später vom Tenor bzw. den jeweiligen Solisten mezza voce vorgetragen und dann jeweils vom Chor tutti im Forte wiederholt. Der Abschnitt, der den Glauben an den einen Gott bekennt, durchläuft harmonisch einmal den kompletten Quintenzirkel, Sinnbild für die Vollkommenheit Gottes. Das Leiden Jesu Christi wird in verminderten Septakkorden expressiv zum Ausdruck gebracht. Der Satz schließt mit einem feierlichen, imposanten „Amen“. – Sanctus und Benedictus sind durch das in identischer Weise vertonte „Hosanna in excelsis“ thematisch miteinander verknüpft. – Das Agnus Dei setzt mit einem kunstvollen Fugato der Solisten ein. Als einziger Satz der Messe endet es nicht in feierlichem Fortissimo, sondern mit der inständig im dreifachen Piano gehauchten Bitte um Frieden.

Die Aufführungsdauer beträgt ca. 35–45 Minuten.

Es musizieren mit uns in den Solopartien Cornelia Horak, Angela Riefenthaler, Gernot Heinrich und Felix Pacher.

 Zum Offertorium singt der Chor „Jauchzet dem Herrn alle Welt“.

Jauchzet dem Herrn, alle Welt, MWV B 45, ist eine Vertonung des 100. Psalms von Felix Mendelssohn Bartholdy für Doppelchor a cappella. Er schrieb die Motette 1844. Es ist Mendelssohns bekannteste Vertonung des Psalms, der außerdem 1847 eine vierstimmige Motette schrieb, als Teil der Drei Motetten, op. 69, die zum Gebrauch in der Liturgie der Church of England bestimmt waren.

Mendelssohn war bereit, Stücke für unterschiedliche Glaubensrichtungen zu komponieren.

Der Satz von Psalm 100 in Martin Luthers Übersetzung für Doppelchor wurde für die erneuerte Liturgie am Berliner Dom geschrieben. Friedrich Wilhelm IV. hatte Mendelssohn als Kirchenmusikdirektor von Berlin eingesetzt mit der Aufgabe, eine neue Liturgie einzuführen. Mendelssohn beendete die Psalmkomposition am 1. Januar 1844.

Mendelssohn vertonte den Text in einem Satz, in C-Dur und 4/4-Takt. Er besteht aus drei Abschnitten in unterschiedlichem Tempo, anfangs Andante con moto, im Mittelteil („Gehet zu seinen Toren ein“) Poco lento, und schließlich („Denn der Herr ist freundlich“) Andante. Während die äußeren Abschnitte vierstimmig gehalten sind, sind im Mittelteil acht Stimmen komponiert, aufgeteilt in einen Chor der hohen Stimmen und einen der tiefen Stimmen, die erst im Wechsel, dann zunehmend dichter singen. Dieser Abschnitt ist Solo bezeichnet.

Der erste Psalmvers („Jauchzet …“) ist als kurze Fanfare gesetzt. Der zweite Vers („Dienet …“) beginnt im Kontrast mit den hohen Stimmen unisono und wird weitergeführt von allen Stimmen. Der dritte Vers („Erkennet …“) beginnt in allen Stimmen leise und in tiefer Lage, langsam gesteigert zum Wort „Gott“.

Im Mittelteil (Vers 4, „Gehet …“) beginnt der Männerchor, es folgt ein Wechselgesang mit den hohen Stimmen. Der Gedanke des Dankens beginnt mit zwei Noten im tiefsten Bass, doch dann in allen acht Stimmen gemeinsam.

Der Schlussteil (Vers 5, „Denn der Herr ist freundlich …“) beginnt leise in den Unterstimmen in Homophonie, gesteigert zum Wort „freundlich“, und weiter gesteigert zu „Wahrheit“. Zum Abschluss wird dieser Verlauf mit dem Sopran wiederholt. (Aus „Wikipedia“.)

Jauchzet dem Herrn, alle Welt;
Dienet dem Herren mit Freuden.
Kommet vor sein Angesicht mit Frohlocken.
Erkennet, dass der Herr Gott ist.
Er hat uns gemacht und nicht wir selbst, zu seinem Volk
und zu Schaafen seiner Weide.
Gehet zu seinen Thoren ein mit Danken,
Zu seinen Vorhöfen, mit Loben,
danket ihm, lobet seinem Namen.
Denn der Herr ist freundlich,
Und seine Gnade währet ewig,
und seine Wahrheit für und für.

 

Christkönigsonntag, 22. November 2026:

Anton BRUCKNER – Messe Nr.1 in d-Moll (1864)

Die Messe Nr. 1 in d-Moll für Soli, vierstimmigen gemischten Chor, Orchester und Orgel (WAB 26)

schrieb Bruckner (erste Fassung 1864) unter dem Eindruck einer Aufführung von Richard Wagners Tannhäuser, welche eigentlich zum Geburtstag von Kaiser Franz Joseph I. am 18. August hätte aufgeführt werden sollen. Aus Zeitgründen erfolgte die Uraufführung erst am 20. November desselben Jahres im Alten Dom zu Linz. Mit dieser Messe schaffte Bruckner den endgültigen Durchbruch; die Aufführung war sowohl bei Kritikern und Zeitgenossen als auch beim Publikum ein immenser Erfolg.

1876 und nochmals 1881/82 revidierte Bruckner das Werk. Da er oft erleben musste, dass Orgeln zu tief gestimmt waren, übertrug er ein kleines Orgelsolo im Credo (T. 100–110) in die Klarinetten und Fagotte. Außerdem war im Linzer Redoutensaal (1864) keine Orgel vorhanden. Heute ist diese Messe eher seltener zu hören, die f-Moll-Messe ist die beliebteste und selbst die heikle e-Moll-Messe wird öfter aufgeführt. Unter Kennern gilt sie als ein sehr originelles Werk, ist aber nicht so effektvoll wie seine beiden andere Messen. Bruckner hält sich – wie bei allen seinen Kirchenmusikwerken – immer an die liturgischen Erfordernisse. Keines seiner Werke ist zu lang im Gottesdienst, ja manche Haydn-Messe ist länger geraten. Abweichend von der f-Moll-Messe, muss die Intonation zum Gloria und Credo vom Priester, einem Solisten oder einer Schola gesungen werden. Bruckner hat diese Textzeilen hier nicht vertont. Das entspricht durchaus katholischer Tradition. Auch wenn Bruckners geistliche Musik immer schon in Konzerten aufgeführt wurde, Bruckner komponierte sie primär für den Gottesdienst.

Der Erstdruck – erst 1892 bei Johann Gross in Innsbruck erschienen – folgt genau der Handschrift. Es ist das letzte Chorwerk, das Bruckner noch in ‚Alten Schlüsseln‘ schrieb. Die Partitur wurde auch so gedruckt, der Klavierauszug bekam aber bereits die ‚Modernen Schlüssel‘. Die Gesamtausgabe hatte dieses Werk erst 1957 vorgelegt, da es als unverändert erkannt wurde und bei dieser Gelegenheit auch die Schlüssel an heutige Gegebenheiten angepasst.                                                            (Wikipedia)

Es musizieren mit uns in den Solopartien Miriam Kutrowatz, Angela Riefenthaler, Daniel Johannsen und Stefan Zenkl.

 

Sonntag, 29. November 2026: 1. Advent

Josef Gabriel RHEINBERGER – „Cantus Missae“ op. 109

Der in Vaduz geborene Josef Gabriel von Rheinberger (1839-1901) zeigte schon früh ungewöhnliche Musikalität. Er versah bereits als Siebenjähriger den Organistendienst in seinem Heimatort und kam mit 12 Jahren zur Ausbildung an das Münchner Konservatorium, wo er seine Kommilitonen bald überflügelte und bereits zahlreiche Werke schuf. Als er 19 Jahre war, bot ihm das Konservatorium eine Dozentur für Klavier, später für Orgel und Komposition an, die er bis kurz vor seinem Lebensende ausüben sollte.

Rheinberger gehört zu den Komponisten der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, die nach Jahren des Vergessens zunehmend in das Bewusstsein von Musikpraxis und Musikforschung zurückgekehrt sind. Sein umfangreiches Œuvre, darunter allein 197 mit Opuszahl veröffentlichte Werke, umfasst Klaviermusik, Orgelmusik, geistliche und weltliche Chormusik, Sololieder, Kammermusik, Sinfonien, Konzertouvertüren, Schauspielmusiken und Opern. Ohne viel Werbung in eigener Sache zu machen, gehörte Rheinberger zu den erfolgreichen Komponisten seiner Zeit, an den Verleger, Musiker und Chöre mit Kompositionsaufträgen herantraten.

Als Hofkapellmeister des bayerischen Königs Ludwig II. nahm er seit 1877 eine zentrale Position innerhalb der katholischen Kirchenmusik in Deutschland ein. Er komponierte lateinische Messen und Motetten, die in ihrer Unabhängigkeit von den einengenden Vorschriften der cäcilianischen Kirchenmusikreformer seiner Zeit wegweisend waren. Er war als Kompositionslehrer am Münchner Konservatorium eine Kapazität von internationalem Rang. Zu seinen Schülern zählten unter vielen anderen Engelbert Humperdinck, Ermanno Wolf-Ferrari und Wilhelm Furtwängler sowie eine ganze Generation junger amerikanischer Komponisten (z.B. Horatio Parker und George Chadwick). Zahlreiche Orden und Auszeichnungen spiegeln den Erfolg des gebürtigen Liechtensteiners.

Rheinberger war ein entschiedener Klassizist, der Mozart und Bach zu seinen großen Leitbildern erhob. Auch wenn er die Musikgeschichte nicht nachhaltig prägen konnte, so steht er doch als großer Lehrer und bedeutender Repräsentant einer vielfältigen Musikkultur am Ende der klassisch-romanti-schen Epoche.

Der „Cantus missae“ – nach dem Musikwissenschaftler Otto Ursprung die „schönste reine Vokalmesse des 19. Jahrhunderts“ – ist Rheinbergers einzige doppelchörige Messkomposition. Sie erhält ihre eigene Prägung durch den Rückgriff auf Kompositionstechniken der altklassischen Vokalpolyphonie und die gleichzeitige Verwendung von funktionaler Harmonik und ausdrucksvoller, liedhafter Stimmführung. Für diese Messe wurde Rheinberger von Papst Leo XIII. im Jahr 1879 mit dem Gregorius-Orden ausgezeichnet.

(Text aus dem Internet, Autor nicht bezeichnet)

Zum Offertorium singt der Chor die Motette „Nun komm, der Heiden Heiland“ von Melchior Vulpius (1570-1615).

 

Anhang: Bemerkenswertes zu Bruckners Messe Nr. 1 d-Moll

von Martin Filzmaier

Bruckner hatte bereits eine lange und sehr erfolgreiche mu­si­kalische Ausbildung (und einige, von ihm selbst nicht als „giltig“ anerkannte Mess­kompositionen) hinter sich, als er schließlich seine Messe „Nr. 1“ im Jahre 1864 komponierte, um sie zu Kaisers Geburtstag in Bad Ischl aufführen zu lassen. Das wäre der 18. August gewesen. Glücklicherweise wurde das Werk nicht recht­zeitig fertig, und so gelangte es zum Cäcilienfest am 20. November im alten Linzer Dom (heute: Ignatius­kirche) unter sicherlich weit günstigeren Bedingungen als in Bad Ischl zur Uraufführung. Mitwirkende: eine (große) Sängerauswahl aus den Linzer Gesang­verei­nen; Bruckner selbst dirigierte. Erstaunlicherweise wurde das Werk ein enormer Erfolg bei Publikum und Kritik, ja wurde sogar wenige Wochen später konzertant und mit ebensolchem Erfolg im Linzer Redoutensaal wieder­aufgeführt.

Die Messe d-Moll wird oft als Bruckners „Schlüssel­werk“ bezeichnet, das nicht eine allmähliche Ent­wick­lung zum Symphoniker zeigt, sondern mit einem Wurf alle An­lagen aufweist, die Bruckner – aus der Sicht der Nachgeborenen – zu einem jener wenigen Komponisten machte, welche die Gattung der Symphonie nach Beet­hoven und Schubert weiterentwickelten und das Musik­schaffen des 20. Jahrhunderts entscheidend mitprägten. Bruckner war bereits 40, als er die d-Moll-Messe als sein erstes großes Meisterwerk vorlegte. Sein Schaffen wird daher in die Zeit „vor 1864“ und „nach 1864“, also nach der d-Moll-Messe, eingeteilt. Anders als Bruck­ners ab 1872 entstandene letzte 8 Symphonien, die nach der noch erfolgreichen „Ersten“ von 1868 erst langsam und mühsam Anerkennung finden konnten, wur­den die 3 großen Messen schon immer mit großem Erfolg aufgenommen – auch wenn sie die Möglichkeiten des damaligen kirchenmusikalischen Betriebes eigentlich überforderten – und immer wieder auch konzertant aufgeführt.

„Die Musik hat mich so gefesselt, dass ich während ihres Erklingens nicht beten konnte!“, soll der Linzer Bischof Rudigier, der die Uraufführung im Dom ermöglicht hatte, nach dem Anhören der d-Moll-Messe gesagt haben. Für viele Hörende ist es so, dass Bruckners Musik nicht die Liturgie ausgestaltet, Gebet ermöglicht, sondern Gebet ist.

Für uns ist so eine Begeisterung nicht leicht nachvollziehbar, schöpfen wir doch heute ständig aus dem Besten und Feinsten, was die Kirchenmusik im Laufe der Jahrhunderte hervorgebracht hat – und dieses Beste und Feinste wird jeden Sonntag in der Jesuiten­kirche zur Aufführung gebracht. Doch muss man sich bewusst sein, dass damals seit Schuberts Messe in Es-Dur 36 Jahre lang kein an solche Meister­­schaft heran­reichendes Werk in der Kirchenmusik entstanden war. Die Presse beurteilte die Messe damals enthusiastisch als „…nach dem Ausspruche unserer bewährtesten Kunstsachverständigen das Ausgezeichnetste, was seit Langem in diesem Fache geleistet wurde“. Und über die Aufnahme beim Publikum hieß es, „Auf manchen Hörer mag die Messe einen befremdenden Eindruck gemacht haben, weil der pathetisch schwungvolle Tonbau, die frische Rhythmik, das lebhafte Colorit der Instrumentation weit über die hergebrachte Form der gewöhnlichen Messen hinaus­gehen“. Die Befremdung hielt sich aber offenbar in Grenzen. Die Messe war sogar bei einer späteren Aufführung in Wien so erfolgreich, dass Bruckner deswegen den kaiserlichen Auftrag zur Komposition der f-Moll-Messe erhielt.

Was Bruckners Messen so sehr von denen anderer großer Kompo­nisten unterscheidet, ist sein radikales Eintauchen in den Glaubens­hintergrund des vertonten Messtextes. Während Schubert dies auf Grund seiner eigenen Glaubenszweifel nur in Teilen gelingt (vgl. das relativ nichtssagende „Et resurrexit“ in der Es-Dur-Messe), gibt es bei Bruckner kaum unaus­gedeuteten Text. Er geht so weit, Textbestandteile herauszugreifen, zu wiederholen, dafür den Duktus der Musik zu unterbrechen – und dadurch den Hörer geradezu mit der Nase auf den Inhalt zu stoßen, der sonst oft in der Formelhaftigkeit dieser immer wieder gehörten Texte untergeht. – „Et iterum venturus est cum gloria“, steht, vergleichsweise beiläufig, im Credo: „Er wird wieder­kommen in Herrlich­keit“. Bruckner wiederholt die beiden Worte „cum gloria“ in den anderen beiden Messen, im dreifachen Forte schreit er es geradezu heraus. In der d-Moll-Messe wird es ebenfalls ab­gesetzt und unter­strichen, leitet aber direkt in das Drama des „Judicare“: Er wird wiederkommen, um zu richten. „Judicare – judicare – judicare“, werfen die Stimmen einander zu. 8 Jahre später, in der f-Moll-Messe, baut Bruckner diese The­ma­tik zu einem Weltgerichtsdrama aus; und der vorangehende „Et resurrexit“-Teil erhebt sich dann nicht mehr aus der Bedrängnis wie noch in der d-Moll-Messe (die „et resurrexit“-Rufe des Chors in A-Dur erlösen uns aus dem d-Moll der Orchester­einlei­tung), sondern schafft die neue Realität der Auferste­hung: Leben nach dem Tod (aus der leeren Oktav­zerle­gung e¹-h-e, der Unge­wissheit, wird die Auferste­hungs­wirklichkeit in strahlendem E-Dur).

So könnte man jede musikalische Phrase in Bruckners großen Messen ansehen und würde meist eine eindeu­tige Glaubensaussage darin finden. Einen guten Über­blick über das, was Bruckner in der d-Moll-Messe macht, gibt im unten zitierten Text Thomas Dolezal, nunmehr Domkapellmeister zu Eisenstadt, in einer Mess­einführung der Wiener Dommusik:

Die musikalische Aussagekraft der d-Moll-Messe ist überwältigend: Der Beginn erhebt sich ganz allmählich aus mystischem Dunkel, das sehnsüchtige Kyrie-Motiv streckt sich seufzend nach oben, als wolle es eine rettende Hand ergreifen, die sich im „Christe“ dann tatsächlich entgegenstreckt: die Umkehr des Kyrie-Motivs neigt sich herab und hilft (wieder) auf.

Im Gloria sei die abschließende Amen-Fuge heraus­gegriffen, deren Thema als Kreuzmotiv gestaltet ist. Viel­leicht ist das (im Namen des Vaters, des Sohnes, des Heiligen Geistes) als Summa Summarum des Lobes zu verstehen, als Bekenntnis der gesamten Schöp­fung: Nach sieben (drei+vier) Ein-sätzen in Grund­gestalt kehrt sich das Thema um, das Kreuz ist auf den Kopf gestellt, überwunden.

Das Credo erstrahlt als musikalisches Kolossal­gemälde, nahezu jeder Gedanke ist hier ausgedeutet, besonders anschaulich im Mittelteil: „Et incarnatus est“ (in himm­lisch-abgehobenem Fis-Dur der Solisten; Anm. MF) über wiegenden Figuren der Instrumental­bässe, dazu echo­­artige Einwürfe der Oboen (Hirten­schalmeien), ein Wehen-Aufschrei der Chores bei „ex Maria“ und das Winden einer Gebärenden bei „et homo“ bis zum eigentlichen „factus est“, die dynamische Dramatik des „Crucifixus“, der hohle Abgesang der Holzbläser nach dem „et sepultus“ und die kurze Grabmusik (Äquale) der Blechbläser.

Die Vertonung des „Et resurrexit“ sucht ihresgleichen: vom ersten Vibrieren der Erde spannt sich über einem 33 Takte langen Orgelpunkt ein gewaltiger Bogen bis zur Wiederkunft Christi („venturus est cum gloria“); nahezu bedrohlich wird die Wirklichkeit des Endgerichts („Iudicare“) vor Augen geführt.

Nach dem strahlenden Bekenntnis des „et expecto resurrectionem“ und dem dumpfen Absinken beim Ge­danken an den Tod („mortuorum“) klingt der Credo-Schluss „Et vitam venturi saeculi“ dann schon aus einer anderen Welt, verklärt und befreit. Dieses Erlösten-Motiv wird im „Dona nobis“ im Agnus Dei wiederkehren: Frieden, den die Welt nicht zu geben vermag – ein Blick in den geöffneten Himmel.