Newsletter Oktober 2026

 

In diesen Tagen wird mir wieder sehr stark bewusst, was für eine wichtige Rolle unsere Sonntagshochämter in meinem Leben spielen. Meine berufliche Tätigkeit in Bereichen Rettungsdienst und damit verwandtem Kurswesen ist eine wirklich freudvolle und erfüllende, doch hält sie mich zur Zeit wegen der bekanntermaßen ungewöhnlichen Arbeitszeiten immer wieder von der Mitwirkung und Mitfeier unserer Messen (bzw. auch von den Dienstagproben) ab. Die Feier der Eucharistie, ausgestaltet zum Beispiel mit einem Werk wie Beethovens Messe in C, ist ein derartiger Quell von Freude und Kraft, ja: Glück, der nachhaltig in die ganze Arbeitswoche hineinwirkt. Und an diesem ganz besonderen Ort (mit)wirken zu dürfen, wo solches möglich ist, erfüllt mich mit tiefer Dankbarkeit.

Jetzt werden Sie vielleicht sagen, was haben denn solche persönlichen Befindlichkeiten hier im Newsletter verloren. Nun, ich höre immer wieder ähnliche Erfahrungen aus unserer sonntäglichen Gemeinde. Menschen, die sich bei uns – und natürlich auch bei den Jesuiten – bedanken für das, was wir hier tun. Aber eigentlich ist das verfehlt, denn vor allem wir Musizierende sind es, die so überreich beschenkt werden.

Zum Programm im Oktober schreibe ich hier einmal nichts; da können Sie alles den Beiträgen im Newsletter entnehmen. Aber es ist mir wichtig, wieder einmal dieses große Glück und die Dankbarkeit auszusprechen, die oft erst dann so richtig bewusst werden, wenn einem das, was manchmal allzu selbstverständlich erscheint, fehlt.

Martin Filzmaier

 

Sonntag, 4. Oktober 2026: W. A. MOZART:

Missa longa in C KV 262 (1775)

Diese Messe ist nicht ungewöhnlich lang, ja sogar deutlich kürzer als etwa die Dominicus-, Waisenhais oder Trinitatis-Messe (KV 66, 139, 167). Wenn sie von Leopold Mozart dennoch Missa longa genannt wurde, so war diese Bezeichnung nicht im wörtlichen Sinn als „lange Messe“ zu verstehen, sondern er hat sie damit jenem Mess-Typus zugeordnet, der das Gegenteil der „Missa brevis“ darstellt. Er wollte also mit dieser Bezeichnung nichts anderes sagen als: Das ist keine Missa brevis.

Da das Autograph nicht datiert ist, wurde über die Entstehungszeit viel diskutiert; nach einer alten Tradition setzte man sie in das Jahr 1776. Erst 1983 hat Alan Tyson in einer Veröffentlichung seiner Papier- und Wasserzeichen-Untersuchungen an den Autographen der zuvor nicht sicher zu datierenden Messen KV 258 und 262 nachgewiesen, dass die Missa longa im Juni oder Juli 1775 entstanden ist. Im Typus ist sie – eben im Unterschied zu den Missae brevis – nur für ein sogenanntes „Festum pallii“ bestimmt, also einen Festtag, der dadurch ausgezeichnet war, dass das Hochamt im Salzburger Dom vom Erzbischof selbst zelebriert wurde. Innerhalb dieses Zeitraumes war das nur der Pfingstsonntag.

In dieser Messe treten alte und neue Stilelemente, Konvention und originelle andere Ideen in ein bemerkenswertes Miteinander, weil Mozart im Umfang nicht beschränkt ist und Zeit hat, solche Symbiosen zu entwickeln; er hat auch Zeit für Fugen. So ist schon das lange Kyrie-Vorspiel mit Haupt- und Seitenthema eine Sonatensatz-Exposition, wie sie etwa in einem Solokonzert anzutreffen wäre. Danach tritt aber kein Solist an, sondern der Chor beginnt das Kyrie in einer verknappt konzentrierten Doppelfuge. Andere Fugentypen schließen das Gloria und Credo ab, und das „Hosanna“ des Sanctus und Benedictus – traditionellerweise auch ein Platz für fugierte Arbeit – beginnt zumindest wie eine Fuge. Daneben gibt es homophone Stellen moderner Harmonik und aktueller Musikdramatik, die schönste vielleicht im „Qui tollis“ („der du hinwegnimmst die Sünden der Welt, erbarme dich unser“) des Gloria, deren Beschreibung dem schwäbischen Mozart-Biographen Hermann Abert (1872-1927) unvergleichlich treffend gelungen ist. Sie sei hier als Beispiel dafür zitiert, was in dieser Messe zu hören und zu erleben ist: „Das Qui tollis ist einer der genialsten Einfälle dieser Messen KV 257, 258, 259, 262 überhaupt und zugleich einer der dramatischsten: in schwerem kirchlichem Ernst, begleitet von einem scharfen rhythmischen Orchestermotiv beginnt es, aber schon im dritten Takt läuft bei dem Piano ein Schauer durch den Chor und im 6. bis 7. Takt folgt ein ganz überraschender Ausbruch der Verzweiflung mit anschließender Generalpause, der Rest ist ein hoffnungsloses Schluchzen des miserere nobis. Dabei zieht sich die Linie des Basses unter beständiger harmonischer Verwechslung der darauf aufgebauten Akkorde chromatisch von g bis H hinab. Dreimal wiederholt sich mit verschärftem harmonischem Ausdruck dieses Spiel, das in seinem dramatischen Verlauf ebenso erschütternd als echt mozartisch ist.“ Neben dieser Dramatik und Ausdruckstiefe gibt es auch berührend schlichte Stellen (wie etwa das „Dona nobis pacem“), die Karl Pfannhauser als „Wechsel von Anmut und Glanz“ bezeichnet hat.

Als die Missa longa 1793 von Johann Traeg, einem Verleger abschriftlich produzierter Musikalien in Wien, in den Handel gebracht wurde, bemerkte er dazu: „Diese Missa ist die letzte und beste von Mozart.“ Die letzte war sie nicht, ihre Beurteilung als beste durch einen Zeitgenossen Mozarts mag aber zu beherzigen sein, besonders wenn man bedenkt, dass sich diese Messe heute unter den Kirchenmusikwerken Mozarts nicht größter Popularität erfreut.

Text aus „Mozart Sakral“, Herausgeber Peter Marboe, 2006.

 

Als Solisten hören Sie: Marelize Gerber, Martina Steffl, Franz Gürtelschmied und Markus Volpert.

 

Sonntag, 11. Oktober 2026:

Franz SCHUBERT – Messe in F-Dur, D105 (1814)

Von 1808 bis 1813 lebte und studierte Franz Schubert im damaligen „Stadtkonvikt“, einem kaiserlichen Internat im Komplex der Alten Universität, die der aufgehobene Jesuitenorden 1773 verlassen hatte. Zur Schule ging Schubert in das nahe gelegene Akademische Gymnasium in die Bäckerstraße im gleichen Komplex, nahe der Ecke zur Postgasse, wo sich heute ein bekanntes Restaurant befindet.

Was für den jungen Franz Schubert (Bild: Schubert 17-jährig) aber wirklich wichtig war, waren nicht seine mäßigen Schulerfolge und auch nicht das Leben im Stadtkonvikt unter gleichaltrigen Schülern, sondern seine Ausbildung und sein Wirken als Sängerknabe im kaiserlichen Dienst. Er war auch zweiter Violinist im Konviktsorchester und er erfuhr eine gediegene allgemeine musikalische Ausbildung. Allerdings ging mit dem Stimmbruch auch das Ende seiner Karriere als Sängerknabe einher – Schubert kehrte ins Haus seiner Familie in die Wiener Vorstadt zurück und arbeitete dort 1813 an seiner ersten Symphonie in D-Dur – der Beginn einer Weltkarriere als Komponist.

In unserer Kirche, in der er oft gewirkt und gesungen hat, wird das Andenken Schuberts in hohen Ehren gehalten. (+ P. Fritz Sperringer SJ)

 Die F-Dur-Messe wurde am 25. September 1814 anlässlich der 100-Jahrfeier der Pfarre Lichtental in Wien aufgeführt. Diese Messe war Schuberts zweites großes Werk und sein erstes öffentlich aufgeführtes Werk überhaupt (die bereits im Vorjahr entstandenen D-Dur-Sinfonie Nr. 1, D 82, seine erste größere Komposition, war für das Schulorchester des Wiener Stadtkonviktes geschrieben, das Schubert bis Ende 1813 besuchte, ihre Aufführung war nicht öffentlich).

Den Auftrag, eine Messe für dieses, für die Pfarre bedeutsame, Ereignis zu schreiben, erhielt Schubert wohl von Michael Holzer, dem Regens Chori an der Lichtentaler Pfarrkirche. Am 17. Mai 1814 begann er mit der Arbeit daran, am 22. Juli war sie vollendet, wie ein Eintrag auf der autographen Partitur belegt. Dem Anlass entsprechend handelt es sich um eine großbesetzte Missa solemnis für vierstimmigen Chor und Solistensextet, Streicher, je zwei Oboen, Klarinetten, Fagotte, je zwei Hörner und Trompeten, 3 Posaunen ad lib. sowie Pauken und Orgelcontinuo. Eine der Sopran-Solistinnen war Schuberts Jugendliebe Therese Grob. Insgesamt waren 62 Musiker an der Aufführung beteiligt, darunter 35 Sänger inkl. Solisten und insgesamt 14 Streicher: für die damalige Zeit im Allgemeinen und eine Vorstadtkirche im Besonderen ein beachtlicher Apparat. Die Orgel spielte Schuberts Bruder Ferdinand, die Choreinstudierung übernahm Holzer, Konzertmeister war Joseph Mayseder, der Konzertmeister der Wiener Hofoper, die Leitung hatte Schubert selbst.

Die Messe brachte dem jugendlichen Komponisten viel Lob ein: Sein Lehrer Salieri, welcher der Aufführung beigewohnt hatte, soll Schubert hinterher umarmt haben mit den Worten: „Franz, du bist mein Schüler, der mir noch viel Ehre machen wird.“ Knapp zwei Wochen später, am 4. Oktober, dem Namenstag des Kaisers (und Schuberts), erfolgte eine weitere Aufführung der Messe in der Augustinerhofkirche.

Am 25./26. April 1815 komponierte Schubert das dona nobis pacem neu, heute im Deutschverzeichnis als D 185 eingeordnet. In der Messe am Dreifaltigkeitssonntag 1815 (Sonntag nach Pfingsten, 1815 also am 21. Mai) wurde die F-Dur-Messe mit diesem geänderten Schlusssatz in Lichtental erneut aufgeführt. Dieses nachkomponierte dona nobis ist deutlich länger als das ursprüngliche (145 statt 87 Takte) und in schnellerem Tempo gehalten (Allegro moderato statt Andante). Während das dona von 1814 mit Ausnahme des Solisteneinschubes homophon Note gegen Note gesetzt ist, ist D 185 zumindest in der ersten Hälfte durchgängig polyphon, erst gegen Schluss treten nennenswerte homophone Passagen auf. Obwohl der ursprüngliche 6/8-Takt beibehalten bleibt, wird dabei im Gegensatz zum ursprüngliche dona, welches in traditioneller Manier das Thema des Kyrie erneut aufgreift („Dona ut Kyrie“), das musikalische Material des Kyrie nicht wiederverwendet.

 (Quellenangabe: Kirchenmusik in Benediktbeuern)

Als Solisten wirken mit: Cornelia Horak, Eva Maria Riedl, Daniel Johannsen und Yasushi Hirano

 

Zum Offertorium präsentieren wir Schuberts späte Motette für Chor und Tenorsolo „Intende voci“ D 963. Schubert schrieb das Stück im Oktober 1828 als „Aria con Coro“ zusammen mit einem „Tantum ergo“. Vermutlich handelt es sich um eine der letzten Kompositionen des Meisters, wenn nicht gar um die letzte. Der äußere Anlass ist auch hier unbekannt, stehen Umfang und Besetzungsaufwand doch im seltsamen Missverhältnis zur liturgischen Ortung des Textes, der zur Messe des Freitags nach dem 3. Fastensonntag gehörte, also einem gewöhnlichen Werktag in einer Zeit des Kirchenjahres, da Instrumentalmusik aus der Liturgie verbannt war. Das großartige, festfreudige Stück lässt den Meister der Es-Dur-Messe erkennen. Nach einem Orchestervorspiel, in welchem die 0boe die führende Rolle spielt, setzt der Solotenor in ariosem Überschwang ein, mit dem später einfallenden Chor ständig dialogisierend. Das Ganze trägt mehr festlichen als dem Text entsprechenden flehenden Charakter.

Text: Alfred Beaujean im Booklet der CD von Capriccio 10 244 (1988).

Das mit 10 Minuten Dauer den liturgischen Rahmen eines Offertoriums sprengende, reife und künstlerisch bedeutende Werk ist sicherlich eine absolute Rarität und wir freuen uns, es präsentieren zu können.

Sonntag, 25. Oktober 2026:

W. A. MOZART – „Kleine Credomesse“, KV 192 (1774)

Die Missa brevis F-Dur KV 192 komponierte Mozart im Jahr 1774 für den Salzburger Dom, höchstwahrscheinlich für einen ganz normalen Sonntag. Der Chor wird nur von Streichern begleitet, die Aufgaben der Solisten sind auf kleinere Ensemble-Einwürfe zurückgedrängt. Mozart scheint die formalen Beschränkungen, die ihm auferlegt waren, als Aufgabe betrachtet zu haben, zu möglichst kreativen und interessanten Ergebnissen zu kommen. In der F-Dur-Messe ist die kontrapunktische Durchdringung besonders auffällig und reichhaltig. Für ausgedehnte Fugen war kein Platz, dennoch bringt er drei Fugati (Gloria– und Credo-Schluss sowie Osanna) unter. Von besonderer Machart ist das Credo, das durchgehend auf dem berühmten Vier-Ton-Motiv basiert, das Mozart schon in seiner ersten Sinfonie, aber auch in seiner großen Credo-Messe von 1776 und noch in seiner letzten Sinfonie, der Jupiter-Sinfonie, verwendete. Es durchzieht den ganzen Satz und ist besonders bei den immer wieder wiederholten „Credo“-Einwürfen, die der Messe den Beinamen „Kleine Credo-Messe“ verliehen haben, eingesetzt.

(Text aus dem Internet, Autor nicht genannt.)

 

Diese Solist*en musizieren mit uns: Cornelia Horak, Martina Steffl, Gernot Heinrich und Yasushi Hirano. Dirigent: Andrés García, a.G.

 

Zum Offertorium hören Sie die Kirchensonate F-Dur, KV 244.

Diese Kirchensonate aus dem April des Jahres 1776 ist die erste von jenen fünf Kirchensonaten, in denen Mozart die Orgel konzertierend eingesetzt hat. Für Organisten ist interessant, dass Mozart das Orgelsolo ausdrücklich mit der „Copula allein“ gespielt wissen wollte, einem nicht lauten und flötenartig klingenden Register. Diese Registrierungsangabe ist vielsagend für die Intonation von Mozarts Orgel, die Akustik im Salzburger Dom sowie für die Balance und Dynamik in der damaligen Aufführungspraxis.

Aus „Mozart sakral“, 2006

 

Sonntag, 1. November 2026, Allerheiligen:

Joseph HAYDN – „Heiligmesse“ Hob. XXII:10 (1796)

Joseph Haydn hatte fast seine gesamte Musikerlaufbahn in den Diensten der mächtigen österreichisch-ungarischen Fürstenfamilie Esterházy verbracht, ehe er seine größten Erfolge als freiberuflicher Komponist in London feierte – mit über 60 Jahren. Seine letzten Schaffensjahre verbrachte der Begründer der Wiener Klassik – immer noch voller Tatendrang – wieder in Wien und in Diensten der Esterházys, denen mittlerweile ein deutlich religiöserer Fürst vorstand. So erklärt sich, warum Haydn im Spätherbst seiner Karriere seinen Schwerpunkt zum ersten Mal auf die Sakralmusik legte. Zwischen 1794 und 1802 entstanden „Die Schöpfung“ sowie sechs große Messen.

Die Missa Sancti Bernardi de Offida in B-Dur, genannt Heiligmesse (Hob. XXII:10), ist die zweite seiner sechs großen Messen. Sie gehört zu den schönsten aber auch selten musizierten Vertonungen des lateinischen Messordinariums. Haydn komponierte die Messe 1796, und sie wurde auch am 11. September desselben Jahres in der Bergkirche in Eisenstadt uraufgeführt. Sie ist dem Seligen Bernardo von Offida gewidmet, einem Kapuzinermönch, der 1795 seliggesprochen wurde. Ihr Beiname Heiligmesse rührt daher, dass Haydn im Sanctus die Melodie eines damals bekannten österreichischen Kirchenliedes namens Heilig, heilig, heilig, du bist allzeit heilig in den Mittelstimmen verarbeitet hat.

(Text aus dem Internet, Autor unbekannt.)

Als Solisten hören Sie: Simona Eisinger, Kathrin Auzinger, Gernot Heinrich und Markus Volpert.

Zum Offertorium singt der Chor das Graduale „Justorum animae“ von Antonio Salieri (1750 – 1825) aus 1800:

Justorum animae in manu Dei sunt, et non tanget illos tormentum malitiae.
Visi sunt oculis insipientium mori, illi autem sunt in pace.

„Die Seelen der Gerechten sind in Gottes Hand, und keine Qual rühret sie an.

In den Augen der Unwissenden sind sie gestorben. Sie aber sind im Frieden.“

(Text nach dem Buch der Weisheit 3,1/3; vgl. Brahms-Requiem, Teil III)